Benjamin Richter - „Das Wichtigste war mir schon immer der Song an sich...“

Kategorie:  Interviews

Region:  West-, Mittel- und Südeuropa

 „Das Wichtigste war mir schon immer der Song an sich...“ - mit diesen Worten spricht Benjamin Richter nicht nur als Musiker, sondern auch als Produzent. Am 11.08.2017 veröffentlichte er sein zweites Album „MEMORY LANE“. Der Piano-Poet hat sich unserer Vielzahl von Fragen gestellt und diese ausführlich beantwortet.

DT: „MEMORY LANE“ ist dein vor knapp einer Woche veröffentlichtes zweites Album. Wie geht’s dir?
Benjamin Richter (BR):Soweit gut. Ich kann nur den Release gar nicht wirklich genießen, weil ich schon im nächsten Projekt stecke und daran arbeite. 

DT: Wie bist du dieses mal an die Produktion gegangen?
BR:
Die Herangehensweise war schon eine andere bei diesem Album. Sicher der größte Unterschied war, dass ich dieses Album selbst produziert habe. Das ist natürlich sehr viel mehr Arbeit und Verantwortung.
Allerdings eben auch hilfreich, da wirklich alles durch die eigenen Hände geht. Außerdem habe ich diese Produktion nicht an einem Stück vollzogen, sondern eher in Etappen über eineinhalb Jahre hinweg. Deshalb war es wichtig und hilfreich, nur mit einem kleinen Team zu arbeiten, so dass sich das organisatorisch auch umsetzen ließ.

DT: „MEMORY LANE“ hat genau wie das erste Album viele Helle aber auch dunkle Seiten. Woher nimmst du deine Inspirationen? Eher aus anderer Musik wie z.B. Rock, Metal, Pop, etc. oder aus alltäglichen Situationen?
BR:
Meine Inspiration kommt tatsächlich überall her. Meine Stücke haben natürlich immer mit dem „Klima meiner Seele“ zu tun. Mal offenkundig, mal unterschwellig. Ich vertone also eher eine Stimmung, ein Gefühl, weniger etwas, dass konkret passiert ist.

DT: Bei dir liegt der Fokus in der Musik auf der Nonverbalen Kommunikation. Was möchtest du mit deiner Musik bei den Zuhörern erreichen?
BR:
Jeder nimmt einen Song anders war, manchmal sogar den selben Song jedesmal auf andere Weise. Eigentlich wie bei einem Rohrschachtest. Es bleibt Jedem selbst überlassen, auf welche Weise die Musik wahrgenommen wird. Ich will dem Hörer einfach etwas an die Hand geben, in dem sie sich für eine Weile wiederfinden können, sich begleitet fühlen. Ein wenig Trost vielleicht, etwas Ablenkung vom Alltag.

DT: Wieviel von dir selbst steckt in den Songs vom zweiten Album im Vergleich zum ersten Album?
BR:
Alles von mir steckt da drin;) Meine Musik ist keine Dienstleistung, bei der ich versuche irgendwelchen Vorgaben gerecht zu werden.
Ich muss mich selbst in jedem Song wiederfinden können. Leicht mache ich es mir nicht, wenn ich an meiner Musik arbeite. Bin da schon ziemlich selbstkritisch und schonungslos mir selbst gegenüber. Bis sich nicht ein bestimmtes Gefühl eingestellt hat bei mir, arbeite ich immer weiter. Das Schwierigste dabei ist, die Magie der ersten Idee oder Melodie, mit der der Song anfing, nicht zu verlieren.

Parallel zu meiner Produktion, habe ich auch noch das neue EMIL BULLS Album produziert. Das war sicher auch eine besondere Herausforderung, in gleichem Maße enthusiastisch beides zu bewältigen. Das war viel Arbeit, aber glücklicherweise liebe ich, was ich tun darf;)

DT: Neben einigen Eigenkompositionen hast dich auch mit Stücken von Ed Sheeran „I See Fire“ und „In the Shadows“ von The Rasmus befasst und ihnen deinen unverwechselbaren Klang gegeben. Wie ist es an bereits bestehenden Songs zu arbeiten und sie neu zu erfinden?
BR:
Das ist eine wirklich spannende Angelegenheit, und eine echte Herausforderung, einem Original in seiner ganz eigenen Weise gerecht zu werden. Ziel war es in diesem Fall, sich so weit wie möglich vom Original weg zu bewegen, ohne dessen Essenz zu verlieren.

DT: Mit einer Veröffentlichung geht’s normalerweise auch live auf Tour. Welche Pläne hast du noch für dieses Jahr?
BR:
Da muss ich dich leider enttäuschen. Es gibt noch keine konkreten Pläne für Live-Dates. Ich möchte meine aktuellen Produktionen noch zu Ende bringen und dann werde ich mich mit einer Tour befassen. Aber meine Fans sind das von mir schon gewohnt und sind dementsprechend geduldig mit mir…hoffe ich;)

DT: Wie würdest du deinen musikalischen Werdegang in wenigen Sätzen beschreiben?
BR:
Am besten eigentlich als Zufalls behaftete, glückliche Angelegenheit. Ich habe nichts „Musikalisches“ studiert. Hatte als Kind natürlich den obligatorischen Klavierunterricht, den ich aber alles andere als genossen habe;) Ich habe mich für einen Weg entschieden, der nicht so klar vorgezeichnet sein konnte, wenig Sicherheiten und Garantien bot.  Aber ich war immer diszipliniert bei der Sache, habe alles mitgenommen, was sich ergab. So erzwingt man sein Glück dann auch etwas. Ich muss wirklich dankbar sein, dass es sich so entwickelt hat.

DT: Was liegt dir eher: produzieren und die Fäden im Hintergrund ziehen oder selber als Künstler agieren?
BR: Das Wichtigste war mir schon immer der Song an sich. Ob ich ihn nur produziere, oder hinterher live spiele ist tendenziell zweitrangig. Das Schreiben eines guten Songs, oder besser, eines Songs, in dem ich mich selbst wiederfinde, ist die Königsdisziplin, und macht mich im ganzen Prozess am glücklichsten.

DT: Musikalisch bewegst du dich einmal quer durch die Branche. Was waren die wichtigsten musikalischen Stationen für dich?
BR:
Es gibt viele wichtige Eckdaten. Als erstes fällt mir meine erste richtige Produktion ein. Ein Album der Band CALIBAN. Ich habe bis dahin immer nur als Musiker gearbeitet, mehr oder weniger professionell, mich jedenfalls nicht als Produzent gesehen. Der Gitarrist von CALBAN hat das allerdings damals anscheinend aber in mir gesehen. Das war ein Sprung ins kalte Wasser zur genau richtigen Zeit. Für diese Chance war/ bin ich sehr dankbar.

Dann vielleicht der Einstieg in die Live-Band von Marc Terenzi. Damals musste ich mir viel anhören, weil ich zu der Zeitin erster Linie in der Metal-Szene unterwegs war. Da habe ich mir vorwerfen lassen müssen, meine Seele zu verkaufen u.ä.. Ich habe einfach nur gemerkt, wie wertvoll dieser Schritt in meiner Entwicklung war. Alleine die Tatsache, dass ich dadurch so viele unfassbar talentierte Musiker kennenlernen durfte, hat mir extrem viel gebracht.

Außerdem durfte ich ein paar Wochen Kompositionslehre bei Oskar Gottlieb Blarr genießen. Ein außergewöhnlicher Mensch und Komponist, der mir auch einiges mit auf den Weg gegeben hat.

DT: Die Kluft zwischen Bands wie „Emil Bulls“, etc. und deinen eigenen Kompositionen ist nicht zu übersehen. Bist du selbst ein eher einfacher oder facettenreicher Charakter?
BR:
Sich in so vielen verschiedenen Bereichen austoben zu dürfen, ist ein echtes Privileg. Da muss man natürlich einen gewissen Facettenreichtum mitbringen, offen und interessiert sein. So lange dadurch nicht der eigen Stil verwässert, es aber schafft,  einen eigenen Stil zu formen, ist es optimal. Der musikalische Horizont kann mit unter schon recht eng werden. Da ist es schon von Vorteil, immer wieder neue Reizpunkte zu haben.

DT: Du bist an vielen Projekten beteiligt und involviert. Was reizt dich daran?
BR:
Die unterschiedlichen Herausforderungen, denen ich mich da stellen muss. Man lernt jedesmal etwas Neues, muss über seinen Tellerrand hinaus blicken, seine Komfortzone verlassen, vieles ausprobieren. Außerdem wird mir durch die Abwechslung nie langweilig.

DT: Du hast bereits mit vielen Künstlern gearbeitet. Gibt es für dich noch einen Künstler mit dem du unbedingt zusammen arbeiten möchtest? (egal ob Musiker oder Produzent)
BR:
Dann müssten wir jemanden wiederbeleben. Und zwar: Freddie Mercury. Ich bin seit der Grundschule großer Queen Fan. Ansonstenvielleicht mit Jonathan Davis von Korn oder Hans Zimmer… Aber es gibt echt super viele mit denen ich gerne mal arbeiten würde.

DT: Zum Abschluss noch eine Frage zum Grübeln: Wenn du die Möglichkeit hättest mit deiner Musik eine ganze Epoche zu beeinflussen, welche wäre das und warum?
BR: Ich will einfach nur ein paar Spuren hinterlassen. Wo man die verortet, ist mir nicht wichtig, etwas zu hinterlassen schon.

 

geschrieben von: Karin Garreis & Saskia Scherf
© Photo: Frank Dursthoff