NIGHTWISH – Leipzig, 16.11.2018 – Arena Leipzig

Kategorie:  Konzertberichte

Region:  Nord- und Osteuropa

Stille breitet sich in der Arena Leipzig nach der Vorband Beast In Black aus. Tausende Zuschauer lauschen gebannt den ersten Klängen des Auftritts von Nightwish anlässlich ihrer Decades: World Tour 2018 in der sächsischen Hauptstadt. Flötist und Gitarrist Troy Donockley lässt seinen Dudelsack erklingen, die Stimmung ist ruhig, angenehm und gleichzeitig voller Spannung und Vorfreude. Schon seit März tourt die finnische Symphonic Metal-Band um den Globus, um ihr Decades-Album vorzustellen, das Remastered-Best-of zum Zwanzigjährigen Bandbestehen. Nun freut sich Leipzig über sie.

Wie erwartet bleibt die anfängliche Ruhe nicht lange. Nach dem traditionellen Intro betritt der Rest der Band um Keyboarder Tuomas Holopainen unter euphorischem Jubeln die Bühne und bald schon krachen bretternde Power Metal-Hymnen und Feuersäulen durch die Halle. Spätestens mit Wish I Had An Angel, der Hit-Single von 2004, ist das gesamte Publikum entfacht.

Sängerin Floor Jansen begeistert mit ihrer unerschütterlichen, kraftvollen Stimme, mit der sie scheinbar spielerisch zwischen den Oktaven wechselt und während des gesamten Konzertes nicht einen Hauch von Ermüdung erahnen lässt. Auch ihr Auftritt ist beeindruckend. Kraftstrotzend performt sie einen Song nach dem anderen und lädt mit herrlichem Lächeln immer wieder das Publikum ein, mitzusingen. Ihr außergewöhnliches Outfit unterstreicht obendrein den Eindruck einer starken Walküre, die nichts erschüttern kann.

Bei ihrer Präsenz treten ihre männlichen Musikerkollegen fast in den Hintergrund, aber eben auch nur fast. Bandgründer und -leader Tuomas Holopainen thront hinter seinem Keyboard auf einem Podest, gibt seine Melodien zum besten, mit denen er teilweise ein ganzes Orchester ersetzt. Gitarrist Emppu Vuorinen spielt mit Hingabe vertieft in die Stücke und wirkt wie auch sein Barden-Kollege Troy zurückhaltend, während sich Bassist Marco Hietala offen und herzlich gibt. Nur Schlagzeuger Kai Hahto bleibt hinter seinen Drums meist stark verborgen, pfeffert aber starke Beats, ohne die an dem Abend nichts laufen würde.

Song um Song entführt Nightwish ihre Zuschauer an dem Abend in alte Zeiten der Bandgeschichte – steht die Decades: World Tour 2018 doch ganz unter dem Motto Zeitreise. Mit dem traditionellen Folk-Song Elvenjig werden die Zuschauer dann besonders weit in die Vergangenheit zurück geführt, gefolgt von Elvenpath vom ersten Album der Band, Angels Fall First von 1997. Auf der imposanten LED-Leinwand im Hintergrund der Bühne, die das gesamte Konzert gekonnt die Stücke untermalt, sind dazu frostige Welten zu sehen, die an Das Eismeer des Romantik-Malers Casper David Friedrich erinnern.

Wie die Decades-Compilation bietet auch das Konzert am heutigen Abend einen Querschnitt durch die Diskografie der Band. Nur vom Album Dark Passion Play gibt es nichts zu hören, aber alle anderen acht Studioalben sind würdig vertreten. Entsprechend gemischt ist auch das Publikum, es tummeln sich junge wie langjährige Fans in der Zuschauermenge. Manche tanzen, andere wiegen sich, viele genießen aber auch einfach die Musik, auf den Rängen sitzen alle. Insgesamt ist es mehr ein „Zuschau-Konzert“, aber nichts desto trotz eines voller Emotionen.

Manch ein alteingesessener Fan hier wird sich noch an die Zeit erinnern, als Nightwish ihre Karriere mit der Single The Carpenter begonnen haben – ein Song, der an diesem Abend natürlich auch nicht fehlen darf und uns mit den Worten angekündigt wird, er sei „tausend Jahre alt“. Warmes Licht breitet sich nun in der Arena aus, das an Kerzenlicht und Kaminfeuer erinnert. Es herrscht so richtig gemütliche Erzähler-Stimmung, was dem Charakter der Band und ihren Liedern durchaus gerecht wird.

Hier liegt auch die große Stärke von Nightwish: Geschichten versüßt mit mal sanften, mal harten Metal-Riffs und schneller Double Bass, den Keyboard- und Flötenmelodien und der immer wieder der beeindruckenden Stimme von Floor. Gelegentlich wird sie im Gesang von Bassist Marco unterstützt, so auch in Devil & The Deep Dark Ocean. Es sei eine Geschichte von einem Mann, heißt es im MC bevor das Stück in einem Feuerinferno beginnt, der an einer Dame interessiert sei, womöglich mit allem, das sie besitzt. Sie jedoch ist davon nicht besonders angetan, handelt es sich bei dem Herren doch um niemand anderen als den Teufel selbst.

Ganz besonders freut sich das Publikum dann auch über Nemo, bei dem viele Zuschauer bereits bei den ersten Keyboard-Klängen im Intro genießerisch seufzt. Nightwish können eben auch ein bisschen sanfter und poppiger, ohne aber ihre Härte zu verlieren. Mit dem folgenden Stück, Slaying the Dreamer, leitet die Band dann aber auch schon mit einem der Konzert-Höhepunkte das Ende des bombastischen Konzertabends ein. „Seid vorsichtig, ihr Träumer da draußen“, warnt Floor das Publikum noch vor, dann wird es schon wieder feurig, dämonisch und höllisch gut. Wild kreist die Sängerin headbangend ihre Haarpracht, dann kreischt sie wie ein weiblicher Dämon und legt damit noch einmal eine Schippe oben drauf – nicht dass ihre Stimme zuvor nicht schon beeindruckend genug gewesen wäre.

Ein großer Pyroknall könnte jetzt das Ende des Mainsets einleiten, aber noch hat die Band etwas besonderes im Petto: Es wird dunkel, die Bühne verwandelt sich in einen Sternenhimmel. Nur Keyboarder Tuomas wird mit steilen Scheinwerfen so beleuchtet, dass es wirkt, als würde er mit einem Schiff durch ein Sternenmeer gleiten. Multiinstrumentalist Troy leistet ihm dann auf seinem eigenen Podest in gleicher Inszenierung auf der anderen Bühnenseite Gesellschaft. Fast verlieren wir uns in der träumerischen Atmosphäre, doch dann knallt ein bedrohliches Wummern rollend durch die ganze Arena Leipzig. Floor setzt mit wallenden Haaren und einer Engelsstimme wieder mit ein und verursacht pures Gänsehautgefühl.

Es folgen noch The Greatest Show On Earth und die Zugabe Ghost Love Score, aber diesen Höhepunkt können die beiden Songs einfach nicht übertreffen. Zu gekonnt die Inszenierung und Durchschlagkraft, die Slaying the Dreamer damit erhalten hat. Glücklich ist das Publikum während sich Nightwish zum Abschied verbeugen. Zwei Stunden lang wurden sie verwöhnt mit ganzen 18 Songs. Auf der Leinwand schließt sich zum Abschluss ein Kamera-Shutter. Ein großartiger Konzertabend mit herrlicher Zeitreise ist vorüber.

Nightwish beherrschen ihr Fach nach zwanzig Jahren meisterhaft und bringen ihre Songs mit einer Leichtigkeit auf die Bühne, wie man es von alten Hasen im Geschäft erwarten kann. Gleichzeitig wirken sie aber auch nicht abgehoben und schaffen es trotz mehreren Tausend Leuten im Publikum eine fast schon freundschaftliche Atmosphäre aufzubauen – eben ein Abend mit tollen Geschichten, nur dass man nicht vor einem gemütlichen Kamin gesessen, sondern auf eine bombastische Bühne geblickt hat. Für Fans war es ohne Frage ein absolut lohnenswerter Pflichtbesuch, aber auch ich bin, ohne die Band wirklich zu kennen, voll auf meine Kosten gekommen.

Setlist
Intro + Swanheart (Oceanborn, 1998)
1 Dark Chest Of Wonders (Once, 2004)
2 Wish I Had An Angel (Once, 2004)
3 10th Man Down (Over The Hills and Far Away, 2001)
4 Come Cover Me (Wishmaster, 2000)
5 Gethsemane (Oceanborn, 1998)
6 Élan (Endless Forms Most Beauty, 2015)
7 Sacrament Of Wilderness (Oceanborn, 1998)
8 Dead Boy’s Poem (Angels Fall First, 1997)
9 Elvenjig (Folk Cover) + Elvenpath (Angels Fall First, 1997)
10 I Want My Tears Back (Imaginaerum, 2011)
11 Last Ride Of The Day (Imaginaerum, 2011)
12 The Carpenter (Angels Fall First, 1997)
13 The Kinslayer (Wishmaster, 2000)
14 Devil & The Deep Dark Ocean (Oceanborn, 1998)
15 Nemo (Once, 2004)
16 Slaying The Dreamer (Century Child, 2002)
17 The Greatest Show On Earth (full) (Endless Forms Most Beauty, 2015)
18 Ghost Love Score (Once, 2004)
Outro

geschrieben von: Wanda Proft
(c) Photo: Wanda Proft